Darum möchte ich die Zeit anhalten.

Diese Meldung aus meiner Heimat Franken hat mich vor einiger Zeit zu diesem sehr persönlichen Artikel inspiriert: Der älteste Mensch in Deutschland war damals eine 111–jährige Frau aus Neuendettelsau in Mittelfranken (Bayern). Eine Sache hat mich daran besonders berührt: Diese Frau namens Margarete Dannheimer wohnte zusammen mit ihrer 81-jährigen Tochter!!! Ist das nicht wunderbar? Sie durfte erleben, wie ihre eigene Tochter eine wirklich alte Frau wird…Sie durfte sehen, wie diese grau und faltig wird. Vom verschrumpelten Baby zur schrumpeligen alten Dame. Ich finde diese Vorstellung wirklich unglaublich schön. Durch diese Meldung wurde ich jedoch sehr nachdenklich.

Ich bin fast 31 Jahre älter als mein kleiner Sohn Theo. Höchstwahrscheinlich werde ich ihn nie als richtig alten Mann sehen. Mit Glück werde ich es erleben, dass er 60 wird – mit sehr viel Glück. Denn dann wäre ich 91. (Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen, die im selben Jahr geboren sind wie ich, liegt nur bei 77,40 Jahren). Hey, ich will meinen Theo aber so gerne auch als alten Mann erleben dürfen!! Mit Falten und Altersflecken und lichtem Haar.

Natürlich kenne ich die Hintergründe nicht und weiß deshalb nicht, in welchem gesundheitlichen Zustand die 111-jährige älteste Dame Deutschlands ist. Aber ist sie nicht unglaublich gesegnet, dass sie es ERLEBEN DARF, wie ihre eigene Tochter eine richtig alte Frau wird? Finde ich zumindest.

Der Gedanke, dass unser Leben ENDLICH ist, dass irgendwann einfach alles VORBEI ist, tut mir echt weh. Denn irgendwie ist die Gegenwart doch einfach schön! Mein Mann macht mich glücklich. Mein Sohn bringt mich zum Lachen und Strahlen. Meine Eltern und meine Schwester sind toll und immer für mich und uns da.

Kennt Ihr das auch? Ich will nicht, dass sich Dinge großartig verändern! Man will das Leben und die Lieben und all das Drumherum regelrecht KONSERVIEREN! So geht es mir beim Gedanken an die Zukunft. Ich habe, ehrlich gesagt, ein bisschen Angst vor dieser weit entfernten Zukunft, in der ich eine alte Frau sein werde und merken werde, dass ich nicht mehr so lange auf dieser schönen Welt sein darf. Der Gedanken schmerzt mich irgendwie sehr und ich gebe zu: Ich werde ganz emotional, schon beim Schreiben. Wäre es nicht wunderbar, wenn alles immer so weitergehen könnte und wir nicht großartig älter werden würden? Ein paar Jährchen hin oder her – okay. Aber eben immer ungefähr „gleich“.

Aber: Die Zeit rast so unglaublich! War ich nicht gerade eben erst noch 19 und habe meinen Führerschein gemacht? Habe ich nicht erst kürzlich Abi geschrieben und stand planlos vor meiner Zukunft? Habe ich nicht gerade eben erst meinen Mann kennengelernt?? (Ich kann es kaum glauben und musste gerade nachrechen, aber das ist tatsächlich auch schon wieder 7 (!!!) Jahre her….)

Wenn die Zeit weiterhin so schnell verfliegt, dann kommt Theo (gefühlt!!!) morgen in die Schule und heiratet quasi überübermorgen. Hilfe!!! Und ich werde eine alte Frau sein. Das äußerliche Altwerden macht mir nicht so viel Angst wie das Gefühl der VERGÄNGLICHKEIT. Dass eben all das nicht so bleibt wie es ist. Dass sich das Leben mit den Jahren verändert. Nur: Was soll ich dagegen tun? Ich kann nichts dagegen machen. Ich kann die Zeit (leider) nicht anhalten bzw. aufhalten. Schade eigentlich. Ich hätte es wohl glatt gemacht…

Und die 111-jährige Dame aus Franken ist meine Heldin – mittlerweile ist sie allerdings verstorben! Aber: Was für eine gesegnete, glückliche Frau. Wie schön muss das Gefühl sein, in solch einem stolzen Alter sein geliebtes Kind noch immer um sich gehabt zu haben!

 Vielleicht werde ich mit 111 Jahren ja auch meinen weißhaarigen Theo in meiner Nähe haben… :-) Dazu viele viele Enkel und Urenkel um uns alle herum. Das wäre schön!


19 Gedanken zu „Darum möchte ich die Zeit anhalten.

  1. Oh ja, das geht mir genauso!! Wie sehr liebe ich doch mein Leben, möchte dass es nie endet! Und jetzt mit Kindern fällt das noch viel mehr auf! Alles fühlt sich so vergänglich, so raschelnd schnell an. Die Zeit fliegt nur so dahin. Aber weißt du was? Errinnere dich an all das was wir bis jetzt erlebt haben, durchgangen sind, die ganzen Schritte…. man wächst in alles irgendwie hinei und im Rückblick fühlt sich das Ältergeworden sein doch normal und richtig an. Irgendwann wollte man nicht mehr mit Playmobil spielen, irgendwann hatte man genug von Party machen, irgendwann war man einfach bereit für Familie, und irgendwann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo man auch müde vom Leben wird. Darauf vertrau ich…. dass man irgendwann beruhigt und bereit für den nächsten Schritt, aufs Leben zurückschauen kann. Wissend, was man tolles geschafft hat!! (Kinder, Ehe)

    Und jetzt, freu dich auf die kommenden Jahre, da hast du nämlich noch ganz viele vor dir!! Mindestes 60!!!!!!! :-)

    Das schaffen wir schon, Maus!! Freu mich schon dich mit grauen Haaren zu sehen ahahahaha

  2. Dein Blogeintrag ist wunderschön und ich sitze hier und weine!
    Mir geht es genauso, endlich versteht mich jemand!
    Wie grausam die Vorstellung doch ist, dass alles eben endlich ist, nichts ist für immer!
    Das war natürlich schon immer klar, aber so unheimlich schmerzhaft ist es erst seit man Mama ist!
    Irgendwann lässt man „sein Baby“ zurück, kann nicht mehr Teil von diesem wundervollen Menschen sein!
    Wie oft geht mir das durch den Kopf und jedes Mal bin ich danach fix und fertig!!
    Deshalb muss man wirklich JEDEN Moment auskosten, genießen, abspeichern um dann immer wieder abrufen zu können!!
    Ich drück dich, sei nicht traurig!!

    1. Ja finde ich auch! Das bringt mich auch zum schmunzeln!Meine kleine Tochter mit Falten und grauen Haaren!Und ihre Enkel rufen Oma Tina!Das würde ich gern erleben dürfen!

  3. Hallo Tochter,

    auch ich habe den Artikel in der Zeitung gelesen und er hat mich (irgendwie eigenartig) genauso berührt wie Dich…
    Ach ja, Deine Haare bleiben entweder schwarz oder sie werden weiß – niemals aber grau -:)
    ich weiß das…..

    Deine mum

  4. Hi Jenny,

    sehr toll geschrieben. Hat mich sehr berührt und auch zum Nachdenken gebracht. Ist wirklich heftig dieses Gefühl….man könnte meinen msn sitzt im ICE so schnell rast die Zeit.

  5. Hallo Jenny dein Artikel spricht mir aus der Seele. Ich bin zwar erst 27 aber habe schon jetzt das Gefühl dass das Leben einfach nur so vorbeirast. Erst am Wochenende war ich bei meinen Eltern zu Besuch und haben und Videos von früher angesehen. Ich ca 6 jahre alt, meine Schwester 4 und meine Eltern. Dann noch mehr Videos von vergangenen Urlauben, von meiner Komnunion etc etc. Am abend hab ich dann meine Mutter nochmal angerufen und musste weinen. Ich hab gesagt ich will die zeit nochmal zurück haben will dass sich wie du schreibst ambesten gar nichts verändert. Das Gefühl macht mir Angst. Obwohl sich meine Eltern optisch kaum verändert haben wie ich finde sind sie trotzdem schon 54 und 60. Ich kann und will das einfach nicht glauben. Ich werde ib 3 Jahren 30. All das macht mir große Angst. Die Angst älter zu werden, krank zu werden und auch die Angst vor dem Tod, dass eben alles iwann vorbei ist. Vor zwei Wochen ist einer meiner Opas gestorben. Auch wenn es der war mit dem ich weniger Kontakt hatte ist es schlimm und hat mich zum nachdenken gebracht. Meine anderen Großeltern beide um die 80 sind noch relativ fit und allein die Vorstellung dass sie iwann auch nicht mehr sind macht mir große Angst. Aber es wird der Tag kommen. Was bleibt? Versuchen möglichst viel zeit mit ihnen zu verbringen denk ich und versuchen alles bewusst zu erleben. Es fällt mir aber oft sehr schwer. Viel zu oft steht der Stress im Vordergrund und ich vergesse das leben zu genießen:( aber mir geht es wie dir. Ich möchte die zeit soo gern anhalten!

    1. Hallo Marco, danke für deine schönen Zeilen. Ich merke durch dieses unglaubliche Feedback, dass es nicht nur MIR so geht, sondern vielen vielen anderen auch. DANKE! Grüße

  6. Hallo Jenny,

    ich möchte einerseits auch manchmal die Zeit anhalten können, viel zu schnell vergehen die Jahre. Außerdem macht Vergänglichkeit mir Angst, weil es auch Abschied, Endgültigkeit und Tod impliziert.
    Andererseits möchte ich jedoch auch, dass es weiter geht, dass Veränderungen stattfinden, dass man auf Pläne hinarbeitet und diese zu verwirklichen versucht. Dadurch lernt man viel Neues und macht immer wieder Erfahrungen, wodurch das Leben bereichert wird. Das geht nur, wenn man eben nicht still steht! Also: Veränderungen?Ja, bitte!!

    Angst machen mir aber negative Veränderungen, die durch schlimme Krankheiten oder Unfälle passieren können. Angst, Menschen, die mir viel bedeuten, zu verlieren, das macht mir große Angst. Angst vor Hilflosigkeit, Abhängigkeit oder auch vor der Ungewissheit (es kann jeden Tag etwas passieren). Viele Dinge haben wir nicht in der Hand.

    Ich habe von einer Mutter gehört, die in der Schwangerschaft an Krebs erkrankt ist. Sie unterzog sich nach der Schwangerschaft einer Chemotherapie und galt als geheilt. Leider fand man später Metastasen in Lunge und gehirn. Sie starb und hinterlässt ihre 1 Jährige Tochter und ihren Mann. Das zerreißt mir das Herz, dass das kleine Mädchen ohne ihre Mama aufwächst und ihre Muttter sie niemals aufwachsen sieht.

    Ja, eine schöne Vorstellung ist es, wenn wir später noch mit unseren Kindern zusammen leben können. Ich glaube, Mütter denken noch eher so als Väter. Mein Mann möchte in erster Linie mit MIR alt werden. Könnte sein, dass meine Söhne später ebenso denken, dass sie mit ihren Partnerinnen alt werden wollen und mich da eher ausklammern.Wenn ich mein Denken nun auf meine Tochter übertrage, wird sie ebenfalls eher das Bedürfnis haben, mit ihren Kindern später zusammen leben zu wollen, als mit mir. Mir geht es jedenfalls so, dass ich die Liebe, die ich fühle, noch etwas mehr meinen Kindern als meinen Eltern „schenke“ (klingt merkwürdig, aber es fühlt sich so an für mich). Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Kinder noch so klein sind und mich noch so sehr brauchen?!

    Keiner weiß, was in ferner Zukunft sein wird. Leben ist JETZT, machen wir das Beste draus!

  7. Noch kurz etwas zum alt Aussehen…doch, mich schaudert es, wenn ich sehr alte Menschen sehe. Ihnen sieht man die Vergänglichkeit direkt an. Alles ist gealtert, die Jungend ist verschwunden, direkt erkennbar wird, dass unweigerlich das Ende, der Tod kommt. Mich ängstigt manchmal das Aussehen dieser Menschen. Ich empfinde es als trostlos und beklemmend. Davor habe ich Angst, so einmal auszusehen. Ich würde gerne mein Aussehen konservieren können! Schade eigentlich, dass ich so denke!! Warum ist das so? Ob es auch am gesellschaftlichen „Jugendwahn“ liegt?

  8. Ergänzend muss ich doch noch etwas hinzufügen, nicht dass Missverständnisse aufkommen. Natürlich liebe ich meine Eltern sehr. Bloß konzentriert sich meine Liebe heute ganz und gar auf eine Kinder und auch auf meinen Ehemann. Ich investiere die meiste Zeit in meine Familie, in meine Kinder. Mit den Jahren wird auch dies sich wieder ändern, meine Kinder Kinder kriegen und diese werden es wahrscheinlich ähnlich wie wir heite erleben.
    Was das für uns Alten in der Zukunft betrifft, sieht die Realität dann ja doch meist ganz anders aus, als wir uns das HEUTE vorstellen und wünschen würden. Mit den Jahren verändert sich alles, verändern wir uns ständig und auch unmerklich, wie etwa auch unsere Einstellungen und Ansichten zu Dingen oder unsere Empfindungen, bis wir im hohen Alter wahrscheinlich sehr gelassen sein und vieles als gegeben hinnehmen werden.

    Mein Opa lebt mehr oder weniger allein mit seinen 101 Jahren im Pflegeheim. Wir, die Kinder, Enkel und Urenkel kommen nur sporadisch zu Besuch, weil jeder eingespannt ist in der eigenen, kleinen Familie oder im Beruf. Man wohnt in anderen Städten, so dass Besuche schwierig werden.
    Zudem muss es von beiden Seiten kommen (Kindern und Eltern), im Alter zusammen sein zu wollen.
    In manchen Familien herrscht Streit, so dass man sich aus dem Weg geht.
    Ob sich mein Opa sein heutiges Dasein damals anders erträumt hat? Wahrscheinlich ja…

    Ich werde also sicherlich auch mein altes Aussehen später akzeptieren (müssen) und/ oder ein Abwenden meiner Kinder von mir, falls der Lauf der Dinge es so gedreht haben sollte. Vorstellen kann ich mir das heute nicht! Aber möglich ist es, dass es so eintrifft. Loslassen hat viel mit Annehmen und Akzeptieren zu tun. Wenn wir das schaffen, lebt es sich leichter. Aber wer schafft das schon so einfach?!

  9. Liebe Jennifer,
    gerade musste ich beim Lesen schon wieder ein paar Tränchen verdrücken. Ich kenne das Gefühl auch sehr gut und gerade aktuell erlebe ich es wieder ganz besonders stark. Meine kleine Tochter ist nun 9 Tage alt. Sie hat zwei ältere Geschwister und ich möchte am liebsten die Zeit einfrieren, weil gerade doch alles so perfekt ist… weiß aber dass das nicht geht – im Gegenteil. Die Zeit fliegt…
    https://marmeladenschuh.wordpress.com/2015/10/05/die-geschwindigkeit-von-zeit-lauter-letzte-male/

    Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *