Loslassen.

Am Wochenende war herrliches Frühlingswetter und die gesamte Nachbarschaft war draussen. Die Kinder flitzten auf ihren Bobbycars, Rädern oder Rollern herum – sie hatten unglaublich viel Spaß und genossen die Frühlingswärme.

Ich saß währenddessen mit einer Freundin und einem guten Cappuccino auf unserer Terrasse – mein Mann quatsche auf den Wegen mit anderen Nachbarn und hatte Theo im Auge. Plötzlich schoß mir ein Gedanke durch den Kopf: „Theo ist so schnell so groß, selbstständig und selbstbewusst geworden. War er nicht gerade eben noch nuckelnd an meiner Brust gehangen?“

Theo ist jetzt zweieinviertel Jahre alt und ich merke täglich, wie dieser kleine Mensch immer eigenständiger wird. Natürlich gibt es auch intensive Mama-Phasen und gerade abends vor dem Einschlafen kuscheln wir viel, aber tagsüber löst er sich immer mehr los. Ich weiß natürlich, dass das gut ist und dazu gehört. Aber – und jetzt komme ich wahrscheinlich rüber wie die größte Glucke überhaupt – der Gedanke, dass wir nicht für immer so eng und nah miteinander sind, der tut mir weh. Selbstverständlich will ich nicht, dass er noch mit 20 an meinem Rockzipfel hängt, aber kann jemand meine Gedankengänge nachvollziehen? Es ist so schön wie es ist – so intensiv, so innig, so voller Liebe. Aber je größer er wird, desto mehr wird er sich von mir abnabeln, desto weniger Zeit werden wir zwei miteinander verbringen. Hach, ich hoffe so sehr, dass ich in all das hineinwachse und es dann letztlich ganz normal und okay finde. Noch vor zwei Jahren, als Säugling, war er wirklich 24/7 um mich herum. Ich weiß noch, wie ich mich damals nach ein bisschen „Freiheit“ für mich, nach ein bisschen „Me-Time“ sehnte. „Sie werden so schnell groß“ – dieser fast schon abgedroschene Satz stimmt einfach so sehr….

Ich bin kein sonderlich überängstlicher Mensch. Aber wenn ich die größeren Nachbarskinder sehe, die so ganz allein draußen spielen, dann merke ich, dass Theo nicht mehr lange meine volle Aufmerksamkeit brauchen wird. Er wird in den nächsten Jahren NOCH selbstständiger und auch GANZ ALLEIN mit seinen Freunden spielen wollen – ohne Mama oder Papa, die ständig als „Anstands-Wauwau“ daneben stehen. Und auch dieser Gedanke schmerzt ein bisschen…Obwohl ich – wie gesagt – natürlich weiß, dass diese Abnabelungsprozesse einfach dazu gehören und soooo wichtig und normal sind.

Ich darf gar nicht ganz ganz weit in die Zukunft denken, an den Tag, an dem mein Sohn mal ausziehen wird…Herrjee…..aber bis dahin bin ich in all das hoffentlich hineingewachsen.

Gestern waren Theo und ich mit seinem neuen Laufrad unterwegs. Er war so stolz, dass er so schnell und sicher damit fahren kann. Er flitzte  wie ein kleiner Rennfahrer davon – WEG VON MIR. Und wieder merkte ich, wie groß er geworden ist. Kein bisschen Baby mehr. Dafür geschickt und selbstständig.

Irgendwann stoppte er mit dem Laufrad und fuhr zurück in meine Richtung. Strahlend vor Glück rief er: „Mama, mama, ich komme! Schau, Mama! Schau!“

Und in diesem Moment wusste ich, dass wir alle Autonomiephasen und Abnabelungsprozesse überstehen würden. Wir sind schließlich so eng miteinander verbunden, wie es nur eine Mutter und ihr Kind sein können. Für immer.


8 Gedanken zu „Loslassen.

  1. Hallo liebe Jennifer, ich finde den Bericht so toll, dass mir wirklich fast die Tränen kamen. Mir geht es genauso und ich kann deine Gedanken und Ängste voll und ganz verstehen. Meine kleine Maus wird bald zwei und wie du so schön geschrieben hast, denke ich mir auch jeden Tag „wo ist die Zeit hin, als sie noch so klein war und auf meiner Brust lag“?
    Auch ich habe Angst davor sie irgendwann loslassen zu müssen, aber auch für eine Mutter bzw Vater ist diese Zeit ein Lernprozess. Wir werden das schaffen und in unserem Herzen werden sie immer unsere kleinen Babys bleiben :) LG Silvi

    1. Hallo liebe Silvi, ja, sie werden immer unsere Babys bleiben, das glaube ich wirklich auch:-) Freut mich zu hören, dass dir mein Artikel gefallen hat:-)

      Gruß, Jenny

  2. Oh liebe Jenny du hast ja sooo recht. Mir gehts es genauso. Der schlimmste Tag war der an dem Lena(5) in den Kindergarten kam ;-( auch wenn es täglich nur 4,5 Std sind fehlt sie mir an manchen Tagen schon sehr. Aber wie du auch sagst, der Abnabelungsprozess ist ebenso wichtig und man ist auch gleichzeitig so stolz, dass das eigene Kind schon so selbstständig ist. Vor dem Tag an dem Lena einmal von zuhause auszieht hab ich heut schon bammel… Unvorstellbar – mein Baby“ soll eines Tages nicht mehr bei mir wohnen!?! Aber auch das werden wir über stehen :-)

    1. Liebe Sandra, danke für deinen Kommentar. Irgendwie tut es mir auch gut, wenn ich weiß, dass ich mit diesen Gedanken nicht allein bin… :-)

      Gruß, Jenny

  3. Wahnsinn…als hättest Du meine Gedanken aufgeschrieben! Mir geht’s absolut ganz genauso, mein Sohn ist fast genauso alt und gestern waren wir mit seinem neuen roten Laufrad unterwegs…
    Alles Liebe

    1. Hallo Nicole, dann machen wir ja gerade das gleiche mit 😉

      Wenn du Tipps hast, wie man besser damit klar kommt: Immer her damit;-)

  4. Ich kann dir und den anderen Kommentatorinnen nur zustimmen. Ich versuche im Moment die intensiven Kuscheleinheiten bewusster wahrzunehmen und zu genießen. Und ich hoffe, dass unser Mutter-Kind-Band so stark und eng ist, dass er später, wenn er viel älter ist, abends vllt. doch nochmal kommt und es kleine Kuscheleinheiten/Umarmungen gibt

  5. Hi Jennifer,
    oh ja, dieses ALLES „SELBER“ machen wollen ist auch bei uns grad ganz groß. Meine Tochter macht die Badezimmer -Tür zu, wenn sie Pipi macht (sie braucht noch eine Windel ), oder auf dem Spielplatz sagt sie,ich solle mich auf die Bank setzen und weg schauen, während sie klettert! Und das auf dem Kletterturm, wo sie noch nie allein hoch ist! Mein Herz hat vielleicht geflattert…
    Aber es gibt dann wieder diese enge Momente, wo sie kuscheln mag, mich streichelt, freudestrahlend auf mich zukommt. Dann ist alles verziehen, auch die Momente, in denen sie echt nicht nett ist zu mir oder Papa.
    Manchmal merkt man nicht, was sich so langsam entwickelt, oder es passiert „über Nacht „. Dann muss man erstmal tief schnaufen und es akzeptieren. Es positiv sehen . Und nie die schönen Momente vergessen. Ich versuche sie alle aufzuschreiben, um sie für mich und auch für meine Maus festzuhalten ?
    Alles Gute noch für euch

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